Am stürmisch-regnerischen Abend des 8. Oktober 2026 wurde das Julius Grieneisen Haus in Berlin zum Ort einer persönlichen Begegnung mit Literatur, Leben und Tod. In stimmungsvoller Atmosphäre blieb die Lesung von Charlotte Wiedemann nicht auf die Worte ihres Buches Die Kunst des Abschiednehmens beschränkt. Die Kulturjournalistin und Death Doula ist in der Ahorn Gruppe für die Themen Kultur und Öffentlichkeitsarbeit zuständig und öffnete auch heute den Raum für das Teilen eigener Gedanken und Sichtweisen. Es entwickelte sich ein Dialog mit den anwesenden Gästen, die dem rauen Herbstwetter trotzten und mit unterschiedlichen Lebensgeschichten und Erfahrungen zusammengekommen waren. Einige waren selbst akut von Trauer und Verlust betroffen, andere brachten langjährige Erfahrungen aus dem Bestattungskontext mit.
Manchmal liegen zwischen Anfang und Abschied nur wenige Schritte.
Diesen Gedanken betonte Charlotte Wiedemann gleich zu Beginn ihrer Lesung. Für sie war er auch mit dem Julius Grieneisen Haus verbunden, denn direkt gegenüber in unmittelbarer Nachbarschaft in den DRK Kliniken Berlin Westend, sollte ihre zweite Tochter Rita zur Welt kommen. Was sie rund um die Geburt erlebte, wurde für sie zu einer persönlichen Initiation in die existenzielle Auseinandersetzung mit Leben und Tod und zum Ausgangspunkt ihres Buches Die Kunst des Abschiednehmens.
In diesem Buch beschreibt die Autorin das besondere Erleben rund um die Geburt mit eindringlichen Worten: „Währenddessen hatte ich das Gefühl, dass ich mich bereits auf der Schwelle befand, an jenem Ort zwischen Leben und Tod, einer Schleuse oder einem Zwischenraum, in dem die Zeit stillsteht. Wo die Seele zu wandern beginnt, lange bevor der Körper aufgibt. Würden meine Tochter und ich uns hier zwischen den Schleiern zum ersten und vielleicht letzten Mal begegnen, ehe sie das Licht der hiesigen Welt erblickte?“
Die Geschichte führte beide zurück ins Leben. Noch im Wochenbett begann Charlotte Wiedemann, selbst Bücher über den Tod zu lesen. Sie berichtete, wie aus diesem persönlichen Lebensmoment eine tiefes Endlichkeitsbewusstsein verbunden mit der Frage erwuchs, wie wir dem eigenen Abschied aktiv begegnen können.
Trauma und Wandel im kollektiven Gedächtnis
Im weiteren Verlauf der Lesung richtete Charlotte Wiedemann den Blick auf den gesellschaftlichen Umgang mit dem Tod in Deutschland im letzten Jahrhundert. Eine mögliche Erklärung für die kollektive Verdrängung in den vergangenen Jahrzehnten sieht sie in den tiefen Spuren, die die beiden Weltkriege mit ihren unzähligen Toten hinterlassen hatten. Sie fragte, welche Folgen es bis heute haben kann, dass unzähligen Menschen eine Bestattung und ihren Angehörigen ein Abschied verwehrt blieben.
Gleichzeitig thematisierte sie einen wahrnehmbaren Wandel und las: „Es wird oft davon gesprochen, dass wir die erste Generation seien, die sich relativ frei mit dem Tod auseinandersetzen kann, ohne unmittelbar von den existenziellen Erfahrungen der Weltkriege betroffen zu sein. Die Generation unserer Großeltern – und in Teilen auch noch unserer Eltern – war mit einer solchen Wucht von Verlust, Zerfall, kollektiver Trauer und auf Täterseite beispielloser Schuld konfrontiert, dass es kein funktionierendes Ritualsystem mehr gab, das dieser Dimension hätte gerecht werden können.“
Charlotte Wiedemann beließ es nicht bei dieser These, sondern gab ihre Gedanken als offene Frage an das Publikum weiter und eröffnete damit einen gemeinsamen Denkraum. Die unterschiedlichen Perspektiven der Anwesenden zeigten, wie eng persönliche und berufliche Erfahrungen mit gesellschaftlicher Erinnerung verwoben sind.
Zum Abschluss lud Charlotte Wiedemann das Publikum zu einer (Todes-)Meditation ein, die sie selbst verfasst hatte und die in ihrem Buch nachzulesen ist. Im Raum kehrte Ruhe ein. Der Stimme der Sterbebegleiterin folgend, begaben sich die Zuhörenden in ihrer Vorstellung in eine Unterwasserwelt, in der sich die vertraute Wahrnehmung der Welt auflöste. Wie könnte es sich anfühlen, tot zu sein? Die Meditation richtete den Blick noch einmal ganz nach innen, auf die eigene Endlichkeit, bevor der anschließende Rundgang durch das Julius Grieneisen Haus die Aufmerksamkeit wieder nach außen lenkte.
Einige Gäste kannten die Räumlichkeiten vielleicht schon aus den Videos von Der Tod und wir, die hier in der Sargwerkstatt von Grieneisen Bestattungen gedreht wurden und in denen Charlotte Wiedemann fragen der Community rund um das Thema Bestattung offen und ehrlich beantwortet.
Abstrakte Gedanken, konkrete Räume – wie der Ort selbst Teil der Erfahrung wird
Lesungen in einem Bestattungsinstitut zu veranstalten, mag zunächst ungewöhnlich erscheinen. Im Julius Grieneisen Haus begegnete die Literatur an diesem Abend einer Umgebung, in der Abschied konkreter Teil des beruflichen Alltags ist. So wurde die persönliche und literarische Reflexion durch Einblicke in die Arbeit eines Bestattungshauses und die Menschen ergänzt, die Abschiede gestalten und begleiten.
Im Foyer kamen die Gäste bei Getränken und kleinen Snacks zusammen – möglicherweise einige von ihnen mit einem veränderten Blick auf die eigene Endlichkeit. Dabei bot sich auch die Gelegenheit, die Fotografien der aktuellen Ausstellung „Anderwelt“ von Bert Strebe zu betrachten.
Auf Wunsch schrieb Charlotte Wiedemann eine persönliche Widmung in ihr Buch Die Kunst des Abschiednehmens für diejenigen, die die Lektüre zu Hause fortzusetzen wollten. Literatur, Kunst und Einblicke in das Bestattungshaus standen an diesem Abend nicht für sich allein. Sie ergänzten einander und eröffneten unterschiedliche Perspektiven auf Leben, Tod und Abschied.
Abbildungen © Ahorn Gruppe
